In Zeiten von Corona

In Zeiten von Corona
Marcus Schwier 2010 Düsseldorf

Das Comeback des Picknicks

Corona verleidet manchem Zeitgenossen den Besuch im Restaurant. Auswärts speisen geht aber auch anders: bei einem Picknick. Der traditionelle Open-Air-Verzehr erlebt in diesen Zeiten eine Renaissance.

Es freut mich, das meine Bildserie „roundabout & straight ahead“ aus dem Jahr 2010 nichts an Aktualität verloren hat. Die Rheinische Post berichtet.

Am Anfang steht eine gute Idee. Ihr folgt ein Plan. Dann wird es ernst: Die Begegnung mit der Wirklichkeit offenbart ungeahnte Abweichungen. Überraschungen tauchen auf – positive wie negative. Wir durchwaten ein Wechselbad von Enttäuschung und Euphorie. Am Ende aber ist alles gut. Meistens jedenfalls. Und je länger das Erlebte zurückliegt, desto besser wird es in unserer Erinnerung.

So war es damals, beim Zelten. Die Vorstellung von grenzenloser Freiheit kollidierte hart mit Regen, Matsch und Mücken. Die Nacht konnte zuweilen kalt werden, das Gas des Campingkochers ausgehen, die Luft der Matratze entweichen. Trotzdem: Es war toll. Der Platz am See, die Leute nebenan, die Sterne am Himmel.

Und jetzt: Der Gedanke, mal wieder anderswo als zu Hause zu essen, stößt auf Hindernisse: Richtig gemütlich wird es wahrscheinlich nicht, bei all den Corona geschuldeten Abständen im Restaurant. Einen größeren Tisch mit ein paar Freunden oder der ganzen Familie zu ergattern, ist schwierig geworden, und überhaupt: Wo Menschen sind, da sind auch Viren.

Plötzlich taucht sie auf, unsere zündende Idee: Wie wäre es mit einem Picknick? Keine Registrierung, freie Platzwahl, frische Luft, kurzum: grenzenlose Freiheit. Ameisen, Sonnenbrand, feuchte Wiese, ausgelaufener Fruchtsaft? Ganz weit weg. Noch.

Anscheinend sind wir mit unserem Einfall nicht die einzigen. Seit Corona erlebt das Picknick, das die Großeltern noch mehr schätzten als die Eltern, eine Renaissance. Die Nachfrage nach Weidenkörben sei gestiegen, heißt es im Gartencenter, findige Dienstleister bieten vermehrt fertig zusammengestellte Menüs zum Mitnehmen an, und der exotische Picknickplatz auf dem Förderturm der Schachtanlage Zollverein 3/7/10 ist wegen der aktuell „erhöhten Nachfrage“ sogar erst ab dem kommenden Jahr wieder buchbar.

Natürlich ist picknicken auch außerhalb von grassierenden Pandemien seit geraumer Zeit ein beliebte Alternative zur geselligen Nahrungsaufnahme in reizvollem Rahmen. In Paris nimmt die altehrwürdige Académie française die Neuschöpfung „pique-nique“, zu Deutsch etwa: eine Kleinigkeit herauspicken, bereits im Jahre 1740 in ihren Sprachschatz auf. Ein noch älterer Beleg für den appetitlichen Begriff findet sich in Tony Willis Abhandlung „Les Origines de la Langue Françoise“ von 1692. Umschrieben wird damit ein gemeinsames Essen, zu dem jeder Teilnehmer eine Kleinigkeit mitbringt und das sowohl drinnen wie draußen stattfinden kann.

Wie auch immer: Die vornehme Zurückhaltung, die in „Picknick“ zum Ausdruck kommt, lässt einen eher nicht an die mitgebrachte Mahlzeit denken, die hungrige und verschwitzte Tagelöhner am Rande eines Feldes verschlingen. Wer also schon im 17. Jahrhundert zu einem Picknick aufbrach, verfügte wohl über ein gewisses Maß an Muße, damit womöglich auch über Geld, und er krönte diesen Luxus mit stilvollem Genuss – oft in der freien Natur, in die es damals vor allem jene hinaus zog, die nicht jeden Tag unter deren Launen zu leiden hatten.

Die Vermutung liegt nahe, dass adelige Jagdgesellschaften schon sehr früh die Annehmlichkeiten eines Imbisses während der Hatz zu schätzen wussten. Und dass es der französische Adel war, der dieser Outdoor-Leidenschaft besonders frönte, ist ebenfalls kein Geheimnis. Doch damit war ziemlich genau 1789 Schluss. In den königlichen Gärten und Parks lustwandelte und picknickte fortan das Volk, während die von ihm angezettelte Französische Revolution etliche Blaublüter ins Exil trieb.

Zum Beispiel nach England. Dort gerät das Picknick im 19. Jahrhundert zu einer opulenten Schönwetter-Veranstaltung, als die gehobenen Stände seinen Charme entdecken. Queen Victoria ist begeistert vom Draußen-Speisen, und es sind längst nicht mehr Kleinigkeiten, die sie auffahren lässt: Die mitgebrachten Tische biegen sich förmlich unter Braten, Pasteten, Kuchen und Obst, dargeboten auf schwerem Sheffield-Silber und überbordenden Etageren.

Uns fällt jedenfalls beim Stichwort „Picknick“ stets ein moderner Klassiker ein, der ausgesprochen britisch daherkommt: Ein flotter Morgan Plus 8-Roadster mit einem verchromten Gepäckträger auf dem Kofferraumdeckel, darauf mit Lederriemen festgeschnallt ein geflochtener Korb, angefüllt mit sorgsam arretiertem Geschirr und Besteck, bunten Servietten nebst einer karierten Decke.

Nun besitzen wir weder den Roadster, noch ergreift uns die Lust, den ganzen Krempel hernach zu spülen. Dennoch darf es durchaus einmal gepflegter zugehen, als man es sonst beim Open-Air-Verzehr von Currywurst, Fischbrötchen oder Pommes im Alltag gewohnt ist.

Der Plan sieht deshalb Folgendes vor: Kleine panierte Hähnchenbrustschnitzel in der Tupperdose mit einer Sauce zum Dippen im verschraubbaren Glas, in dem sich einst Marmelade befand. Sandwiches (benannt nach John Montagu, dem vierte Earl of Sandwich, der im 18.Jahrhundert quasi ein Wegbereiter der Picknick-Kultur war, indem er ein Stück Fleisch zwischen zwei Brothälften klemmte und den Essens-Aufwand damit erheblich reduzierte) mit einem Thunfisch-Kapern-Aufstrich in Frischhaltefolie verpackt. Verschraubbare Gläser, diesmal gefüllt mit einem Mix aus Salaten, die Sauce extra, damit er nicht zusammenfällt. Mundgerecht geschnittene Möhren und Kohlrabi für zwischendurch. Zum Nachtisch werden Äpfel und Bananen eingepackt, deren Reste man getrost der Wildnis überlassen kann. Auf das selbstreinigende Geschirr, das schwedische Tüftler vor Jahren entwickelt haben, können wir somit verzichten. Echtes Besteck dagegen muss sein, ebenso robustes Glas für den Piccolo-Champagner. Das eine kommt anschließend in eine Plastiktüte, das andere wird in die mitgeführten Stoffservietten gewickelt.

Jetzt wird es ernst.

INFO: Picknick ist auch politisch

Grenzüberschreitung Am 19. August 1989 nutzen rund 700 Urlauber aus der DDR das „Paneuropäische Picknick“, das ungarische Oppositionelle in Sopronköhida an der ungarisch-österreichischen Grenze veranstalten, zur Flucht ins nahe Sankt Magarethen im Burgenland. Die Grenzschützer schreiten nicht ein. Es ist die Ouvertüre zum Berliner Mauerfall drei Monate später.

Nationalfeiertag Im Jahre 2000 beging Frankreich seinen Nationalfeiertag mit einem Riesen-Picknick: einer über 600 Kilometer langen rot-weiß-karierten Tischdecke, die von Dünkirchen im Norden bis an die spanische Grenze ausgebreitet war. In den USA ist der amerikanische Unabhängigkeitstag am 4. Juli ein beliebter Tag, um zu picknicken

Skandal 1863 wies der Pariser Salon das Bild des französischen Malers Édouard Manet „Das Frühstück im Grünen“ ab. Es zeigt zwei Frauen mit ihren Liebhabern beim Picknick unter Bäumen – eine von ihnen ist nackt. Nach Protesten wies Kaiser Napoleon III. persönlich die Ausstellung an, das Werk zu zeigen.

Mit einem mittelschweren Rucksack und einer 1a-Öko-Bilanz geht es an einem spätsommerlichen sonnigen Samstag-Vormittag in den Wald. Die Freunde haben zum verabredeten Treffen auf einer Lichtung auch noch Pappbecher mit heißen Kaffee in der Thermoskanne mitgebracht, was uns daran erinnert, dass es einen weiteren Picknick-Pionier gab: 1903 ließ sich der deutsche Glasbläser Reinhold Burger eine Isolierflasche mitsamt Trinkbecher patentieren, die damals noch mit einem Korkverschluss ausgestattet war. High-Tech ist allenfalls unsere wasserdichte Picknickdecke, die sich so klein zusammenfalten lässt, dass sie sogar in die Hosentasche passt.

Aus einem Sicherheitsabstand von weit über 1,5 Meter Entfernung prosten weitere Picknick-Pilger den neuen Nachbarn zu. Das ist trotzdem bedeutend weniger als die sichere Entfernung, die Freunde des Freilicht-Schmausens aus aller Herren Länder etwa zum Schlachtfeld an der Krim einhielten, wo die Türken zwischen 1853 und 1856 mit ihren Verbündeten Frankreich und Großbritannien im ersten modernen Stellungskrieg gegen Russland kämpften. Mit Fressalien und Feldstecher ausgerüstet amüsierte man sich seinerzeit ausgiebig am Rande des blutigen Spektakels. „Die Damen genossen das Vergnügen sehr“, schwärmte Captain Robert Portal vom Vierten Leichten Dragoner-Regiment in einem Brief an seine Schwester.

Uns reicht der Nervenkitzel, den dunkle Wolken hervorrufen, die am frühen Nachmittag aufziehen. Doch der Schampus entfaltet seine beruhigende Wirkung. Das Essen hat tatsächlich anders geschmeckt als daheim, irgendwie aromatischer, jetzt, wo man den Gaben von Mutter Natur so viel näher war als sonst. Und erst der Mut, sich ohne Heizpilz, ohne schützenden Schirm, ja ohne die Möglichkeit, einen Kellner herbeirufen zu können, so weit an den Rand der Zivilisation zu wagen. Das ist… nennen wir es Haltung.

Der harte Boden, die Schweißausbrüche, wenn die Sonne ab und zu doch sengte, die Blätter, die auf die angebotenen Blätterteig-Pasteten segelten, die Fliegen und der im Gegensatz zum Hinweg irgendwie doppelt so lange Rückweg? Je weiter das alles zurückliegt, desto mehr verblasst die Erinnerung an solche Nebensächlichkeiten.

Es war toll.

Text: Martin Bewerunge

Quelle: Rheinische Post vom 11. September

Marcus Schwier, image architect. Born in 1964 in Düsseldorf, Germany, Marcus Schwier discovered his fascination for photography while in school. After earning his architecture degree in 1985, he worked in various architectural offices before returning to school in 1993 — this time to formally study photography at the Düsseldorf Art Academy. While at the Academy, Schwier experimented with camera obscuratechniques. Today, the freelancer works on both commercial and artistic projects, concentrating on landscape and architectural photography. Schwier has balanced the artistic work in his studio in Düsseldorf with his global career. On the one hand, he brings the highest standards to the images he shoots as a commercial photographer working on advertising concepts, brochures, and campaigns for such clients as Mercedes Benz, Audi, Thyssen-Krupp, and Deutsche Bank. On the other hand, he doesn’t lose sight of his artistic ambitions and is always looking for new and surprisingly compelling shots. His ground-breaking “Nightshots,” begun using film photography, builds on his Academy experience of shooting long exposures that emphasize the phenomenon of the night itself more than the subjects of the shots. Schwier explains that the nocturnal scene reduces an image to its barest meaning, since the most essential things are already lit; but almost as an afterthought, his long-exposure shots also succeed in bringing light into otherwise pitch-dark corners and niches, uncovering the strangeness of time and moment. Schwier is the recipient of major prizes and awards, including the DG Bank International Photography Award.

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